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Kapitel: 0 von 5

Zwei Würfel, 45 Billiarden Menuette

Vor über 200 Jahren gab es ein Spiel, mit dem jede und jeder ein Menuett „komponieren“ konnte – ganz ohne Noten lesen: Man würfelte, suchte in einer Zahlentafel den passenden Takt heraus und setzte so Takt für Takt ein ganzes Stück zusammen. Hier würfelst du dein eigenes. Und findest heraus, warum dabei nie Unsinn herauskommt.

Deine Stufe: Damit passen Texte und Aufgaben zu dir. Du kannst jederzeit umschalten.

Zuerst: dein Code

Leg dir einen Code an, zum Beispiel mia-7b. Dann bleiben dein Menuett und deine Antworten gespeichert – auch am nächsten iPad.

🎧 Kopfhörer auf. Die Musik in diesem Modul entsteht im iPad – aus echten Aufnahmen von Flügel, Streichern und Zupfgeige.
Hinweis für die Vertretungslehrkraft

Die Einheit ist so gebaut, dass die Klasse allein damit arbeiten kann – Musikkenntnisse sind für die Aufsicht nicht nötig.

  • Alle arbeiten am eigenen iPad mit Kopfhörern.
  • Zu Beginn einen Code anlegen (Vorname und Klasse, z. B. mia-7b) und oben die Stufe wählen.
  • Kapitel 1 und 2 dauern je etwa 20 Minuten, Kapitel 3 bis 5 je 20–30 Minuten.
  • Am Ende lassen sich das eigene Menuett als MP3 speichern und das Notenblatt ausdrucken.
  • Wer schnell fertig ist: zweites Menuett würfeln und beide vergleichen – welches klingt besser, und warum?

Lehrermodus

Alle Lösungen lassen sich einblenden. Die Codes zeigen, wer wie weit ist; die Texte der Klasse lassen sich lesen und drucken.

1

Die Idee

etwa 20 Minuten

Im 18. Jahrhundert waren Würfelspiele für Musik groß in Mode. Der Gedanke dahinter: Ein Menuett – ein höfischer Tanz im Dreiertakt – ist immer ähnlich gebaut. Wenn man für jeden Takt mehrere Möglichkeiten bereithält, die alle zusammenpassen, kann der Zufall die Auswahl übernehmen.

So geht das Spiel

  1. Für jeden Takt gibt es mehrere fertige Takte zur Auswahl.
  2. Du würfelst mit zwei Würfeln: Die Summe (2 bis 12) sagt, welcher Takt genommen wird.
  3. Nach 16 Würfen steht das ganze Stück – ein Menuett mit 16 Takten.

Der bekannteste Druck erschien 1792 bei Nikolaus Simrock in Bonn, ein Jahr nach Mozarts Tod, unter dem Titel „Anleitung, Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componieren“. Ob Mozart ihn wirklich geschrieben hat, ist bis heute nicht sicher – der Verlag warb gern mit dem berühmten Namen.

Solche Spiele gab es schon vorher: Johann Philipp Kirnberger, ein Schüler Bachs, veröffentlichte 1757 „Der allezeit fertige Polonoisen- und Menuettencomponist“. Musik erscheint hier als kombinatorisches System: Der Stil ist so stark geregelt, dass sich Bausteine beliebig tauschen lassen, ohne dass der Satz zusammenbricht.

Titelblatt des Drucks von 1792 mit dem Namen W. A. Mozart
Der Druck von 1792 – „Anleitung … mit zwei Würfeln zu componieren“, erschienen bei Simrock in Bonn.
Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei
Die Zahlentafel des Würfelspiels von 1792 🔍 Zieh übers Bild
Die Zahlentafel. Links die Würfelsumme, oben der Takt – im Feld steht die Nummer des Taktes, den man abschreiben musste.
Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei
Notenseite mit vielen nummerierten Takten
Die Bausteine: 176 einzelne Takte, jeder mit einer Nummer. Abschreiben statt komponieren.
gemeinfrei
Gemälde von Wolfgang Amadeus Mozart
Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791). Ob das Würfelspiel von ihm stammt, ist ungeklärt.
Barbara Krafft, 1819, gemeinfrei
Titelblatt von Kirnbergers Würfelspiel von 1757
Schon 1757: Kirnbergers „allezeit fertiger Polonoisen- und Menuettencomponist“.
gemeinfrei (CC0)
2

Würfle dein Menuett

etwa 20 Minuten

16 Takte, für jeden Takt 11 Möglichkeiten. Würfle sie der Reihe nach – oder alle auf einmal. Einzelne Takte kannst du jederzeit noch einmal würfeln: einfach auf den Takt tippen.

Dein Notenblatt

Oben steht über jedem Takt die gewürfelte Zahl. Die Melodie ist einstimmig notiert – die Begleitung spielt das iPad dazu.

3

Warum klappt das immer?

etwa 25 Minuten

Bausteine, die zusammenpassen

Alle elf Möglichkeiten für einen Takt benutzen dieselben Töne – die Töne des Akkords, der an dieser Stelle vorgesehen ist. Egal, was du würfelst: Es passt.

Wie beim Baukasten: Die Steine sind verschieden, aber die Noppen sind immer gleich.

Der Plan hinter dem Stück

Tipp auf einen Takt: Du hörst die Begleitung und siehst, welcher Akkord dort steht.

Form: zweimal acht Takte

Das Menuett besteht aus zwei Perioden zu acht Takten. Die erste endet offen auf der Dominante (Halbschluss – es klingt wie ein Komma), die zweite kommt zur Ruhe auf der Tonika (Ganzschluss – der Punkt am Satzende).

Wie viele Menuette sind möglich?

Für jeden der 16 Takte gibt es 11 Möglichkeiten, unabhängig voneinander. Das ergibt 1116 Fassungen:

1116 = – etwa 45 Billiarden. Wer jede Fassung einmal hören wollte (je 30 Sekunden), bräuchte rund 43 Milliarden Jahre.

Allerdings sind nicht alle Würfelsummen gleich wahrscheinlich: Die 7 kommt bei zwei Würfeln sechsmal so oft vor wie die 2. Tipp auf „Verteilung zeigen“ – so sieht ein Zufall in der Praxis aus.

4

Deine Fassung

etwa 25 Minuten

Jetzt wird aus dem Würfelergebnis deine Fassung: Klangfarbe, Tempo, Wiederholungen und ein Titel. Am Ende nimmst du sie mit – als MP3 und als Notenblatt zum Ausdrucken.

Einstellungen

Klangfarbe

120

Wiederholungen

Anhören und mitnehmen

Das Notenblatt enthält deine Melodie, die Würfelzahlen und deinen Titel – zum Abheften, Vorspielen oder Weiterschreiben.

5

Zufall in der Musik

etwa 20 Minuten

Das Würfelspiel ist kein Scherz der Vergangenheit: Der Zufall ist bis heute ein Werkzeug von Komponistinnen und Komponisten. Man nennt das Aleatorik – von lateinisch alea, der Würfel.

Drei Arten, den Zufall einzuladen

  • Auswahl: Fertige Bausteine werden zufällig zusammengesetzt – wie beim Würfelspiel.
  • Reihenfolge: Die Stücke stehen fest, aber wer spielt, entscheidet spontan, was wann kommt.
  • Regeln statt Noten: Es gibt nur Anweisungen; was dabei herauskommt, ist jedes Mal anders.

John Cage (1912–1992) entschied in „Music of Changes“ (1951) mit dem chinesischen Orakelbuch I Ging, welche Töne, Dauern und Lautstärken kommen. Sein berühmtestes Stück, 4′33″, besteht aus Stille: Man hört, was im Raum zufällig gerade passiert.

Karlheinz Stockhausens „Klavierstück XI“ (1956) legt 19 Abschnitte auf ein großes Blatt; der Pianist spielt sie in der Reihenfolge, in die sein Blick fällt. Heute übernehmen oft Programme das Würfeln: Generatoren und KI erzeugen Musik nach Regeln und Wahrscheinlichkeiten. Die Frage von 1792 stellt sich dabei neu: Wer ist eigentlich der Komponist?

Fotografie von John Cage
John Cage, 1988 – der bekannteste Komponist des Zufalls.
Foto: Rob Bogaerts / Anefo, CC0

Probier es selbst

Dasselbe Menuett, zweimal neu gewürfelt: Wie verschieden klingt es – und was bleibt gleich?